Breites Entsetzen nach dem Diebstahl eines Stolpersteins
ERINNERUNGSKULTUR - Polizei prüft politische Motive – Stein erst am Samstag verlegt

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Stolpersteine der Familie Hirschberg Börsenstraße Wilhelmshaven
Sie sollen an das Schicksal jener Menschen erinnern, die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind und sind somit ein wichtiges Symbol der Erinnerungskultur: Stolpersteine.
Auch in Wilhelmshaven gehören sie inzwischen zum Stadtbild dazu.
Doch jetzt der große Schock. In der Börsenstraße wurde ein solcher Stolperstein, der an Familie Hirschberg erinnert, herausgerissen.
Die Polizei hat Ermittlungen wegen schweren Diebstahls aufgenommen und bittet um Hinweise unter 04421/9420).
„Unabhängig von der strafrechtlichen Einordnung wird auch geprüft, ob es Anhaltspunkte für politische Motive gibt“, betont Ole Peuckert, Pressesprecher der Polizeiinspektion Wilhelmshaven/Friesland, auf Nachfrage.
Ob eine Zuordnung zur politisch motivierten Kriminalität erfolgt, hänge von den konkreten Ermittlungs- und Erkenntnislagen ab. Gegebenenfalls erfolge auch eine Einbindung der zuständigen Fachkommissariate beziehungsweise des Staatsschutzes.
Erst am Samstag, 30. Mai, wurden 16 Stolpersteine – darunter der jetzt spurlos verschwundene – noch im Zuge eines Gedenkspaziergangs zur zweiten Stolpersteinverlegung in der Jadestadt von rund 150 Teilnehmenden aufgesucht.
Eben während dieser Veranstaltung sei er noch vorhanden gewesen, erklärt die Polizei.
Stolperstein aus dem Gehweg entfernt
Am Sonntag, 31. Mai 2026, gegen 13.10 Uhr wurde dann jedoch gemeldet, dass der Stolperstein aus dem Gehweg entfernt wurde.
Bei dem Erinnerungsstück handelt es sich um einen Betonquader, der mit einer Messingplatte versehen ist. Darauf sind Namen, Geburtsjahr, das Jahr der Deportation oder Verhaftung sowie das Datum der Ermordung eingraviert.
120 Euro kostet solch ein Stein.
Wilhelmshaven ist damit allerdings längst nicht alleine.
In den vergangenen Jahren wurden beispielsweise in Magdeburg und Kaiserslautern Stolpersteine beschädigt oder gestohlen.
„Der eigentliche Wert liegt vor allem im ideellen und historischen Bereich, haben Stolpersteine doch eine besondere gesellschaftliche und symbolische Bedeutung“, so Peuckert.
Aus diesem Grund werde jede Beschädigung oder Wegnahme „sehr sensibel betrachtet und entsprechend sorgfältig geprüft“.
Cäcilien- und Franziskusschule
Empört zeigen sich nicht nur die Schülerinnen der Cäcilien- und Franziskusschule, die sich monatelang mit den Biografien jüdischer Wilhelmshavener auseinandergesetzt haben, sondern auch die Schulleitung.
„Wir sind entsetzt über diese Tat“, sagt die Schulleiterin der Cäcilienschule, Tanja Cherri-Tarbiat, auch stellvertretend für die Lehrkräfte der Stolperstein-AG.
Es mache sie sprachlos, dass die Erinnerung an Menschen, die einst mitten in der Gesellschaft lebten und durch die NS-Ideologie ausgegrenzt, entrechtet und oft ermordet wurden, nun schon wieder ausgelöscht werden sollen.
„Wir als Cäcilienschule und als AG sind überzeugt, dass wir das so nicht stehen lassen können und möchten diese Lücke schnellstmöglich wieder schließen.“
Quelle: Wilhelmshavener Zeitung von Michael Hacker und Kea Ulfers vom 2. Juni 2026
Gedenkgang zum gestohlenen Stolperstein
Einen Gedenkgang zum entwendeten Stolperstein der Familie Hirschberg veranstaltet das Kulturbüro der Stadt Wilhelmshaven am Donnerstag, 4. Juni 2026.
Im Namen des Arbeitskreises Historisches Gedenken sind Interessierte eingeladen, sich anzuschließen. Treffpunkt ist um 18.30 Uhr am Synagogenplatz.
Dort erfolgen kurze Wortbeiträge von Oberbürgermeister Carsten Feist, des Arbeitskreises Historisches Gedenken und von Vertretern der Stolperstein-AG der Cäcilienschule und der Franziskusschule.
Anschließend führt der gemeinsame Gang zur Börsenstraße 57, wo nach der Verlegung der Stolpersteine am vergangenen Samstag ein solcher von Unbekannten herausgerissen worden war.
