29. April 2026
Alte Musik, die tiefe Gefühle anspricht und begeistert
Etwas ganz Besonderes in Norddeutschland: Gregorianischer Chorgesang

© Robert Pernpeintner
Die Choralschola pflegt den Schatz gregorianischer Gesänge, ein Repertoire, das die christlichen Kirchen seit 1200 Jahren begleitet.
Mit einem geistlich-musikalisch eindrucksvollen Konzert gestaltete die Choralschola St. Willehad Wilhelmshaven am Sonntag, 26. April 2026, in der St. Willehad Kirche einen besonderen Abend im Zeichen der Osterzeit.
Unter der Leitung von Kirchenmusiker Robert Pernpeintner führte die Schola durch ein sorgfältig ausgewähltes Programm gregorianischer und österlicher Gesänge, das vom Kreuzeslob über die Ostersequenz bis hin zum marianischen Ostergruß reichte.
Theologischer Tiefgang überzeugt
Liturgisch geleitet wurde die Veranstaltung von Pastoralreferentin Lena Köhler, die dem Konzert einen geistlichen Rahmen gab und die Musik nicht bloß als Darbietung, sondern als klingende Verkündigung erfahrbar werden ließ.
Gerade dadurch ent-stand eine Atmosphäre, in der die z.T. mehr als 1000 Jahre alten Gesänge ihre medi-tative Kraft entfalten konnten: schlicht, gesammelt und zugleich von großer innerer Spannun
Zwischen Tradition und Improvisation

© Robert Pernpeintner
Die Choralschola überzeugte durch eine ruhige, konzentrierte Linienführung und ein hörbares Gespür für den Atem des gregorianischen Chorals.
Die einstimmigen Gesänge wirkten nicht statisch, sondern lebendig aus den zumeist lateinischen Texten heraus geformt, die den Zuhörern auch als deutsche Übersetzung vorlagen.
Kirchenmusiker Karsten Klinker aus Cloppenburg

© BMO Vechta
Eine besondere Bereicherung war die Mitwirkung des Organisten und Kirchenmusikers Karsten Klinker aus Cloppenburg.
Teilweise begleitete er die Choralschola behutsam an der Orgel und fügte sich dabei sensibel in den Gesamtklang ein.
Höhepunkt des Abends war die Sequenz „Victimae paschali laudes“.
Hier trat die Orgel nicht nur begleitend hinzu, sondern wurde selbst zur Auslegerin des Geschehens:
Zwischen den einzelnen Versen improvisierte Karsten Klinker eindrucksvoll über Kreuzigung und Auferstehung Christi.
„Das war Gänsehaut pur, für mich der stärkste Moment des Konzertes“, so ein Zuhörer.
Und eine andere Zuhörerin beschrieb sehr treffend ihren Eindruck: „Es war wie eine musikalische Predigt.“
Zwischen den Versen wurde plötzlich hörbar, was in den Worten steckt: das Leiden, die Dunkelheit, aber dann auch dieses Aufbrechen ins Licht.
Das zarte, einfühlsame Orgelspiel hat nicht kommentiert, sondern wirklich mitverkündigt.
Die musikalischen Zwischenspiele zeichneten den Weg vom Kreuz über die Stille des Grabes bis zur österlichen Freude mit großer Ausdruckskraft nach.
So entstand ein spannungsvoller Dialog zwischen dem schlichten, jahrhundertealten Gesang der Schola und der unmittelbaren, farbigen Sprache der Orgelimprovisation.
Liturgische Musik wird „fühlbar“
Die gesamte Programmfolge zeigte eine gelungene Dramaturgie.
Nach der ernsten Betrachtung des Kreuzes öffnete sich der Klangraum zunehmend in die Osterfreude hinein.
Der Hymnus „O filii et filiae“ und das deutsche Osterlied „Christ ist erstanden“, das von den Zuhörerinnen und Zuhörern mitgesungen und abwechselnd von der Schola mit Zwischenstrophen chorisch ergänzt wurde, ließen die Gemeinde- und Kirchenliedtradition anklingen, während das „Regina caeli“ den Abend in österlicher Zuversicht abrundete.
Ein Abend, der zeigte, wie unmittelbar alte liturgische Musik auch heute sprechen kann, wenn sie mit innerer Sammlung, klanglicher Sensibilität und theologischer Tiefe gestaltet und auf diese Weise „fühlbar“ wird.
Die Besucherinnen und Besucher jedenfalls waren sehr begeistert und unterhielten sich noch intensiv nach dem Konzert darüber.
Regionalmusiker Robert Pernpeintner
